Intensivmedizin und Übertherapie

Der Nutzen der Intensivmedizin ist bei „multimorbiden“ Greisen und Menschen mit schweren Hirnleiden unklar. Ich fasse die wichtigsten Aspekte eines Artikels, dessen Link am Ende dieses Beitrags zur Verfügung steht, zusammen.

Weil der Altersdurchschnitt der Notfall- und Intensivpatienten steigt und steigt, finden sich in diesem Bereich die größten Wachstumsraten. Anscheinend sind 75% der deutschen Intensivpatienten im Rentenalter, jeder vierte davon ist Krebspatient. Deshalb fürchten immer mehr Menschen die Apparatemedizin und versuchen, sich durch Patientenverfügungen davor zu schützen.

Eindrücklich wird sodann der Fall eines 92-jährigen geschildert:

Gerd, ein 92-jähriger ehemaliger Postzusteller, wurde morgens nicht richtig wach, die besorgte Gattin rief den Notarztdienst. Per RTW ging es in die Klinik, eine Schnittbilduntersuchung zeigte: schwere Hirnblutung mit Ventrikeleinbruch infolge Blutverdünnung. Trotz Hinweis auf die Patientenverfügung des Patienten sagte man der greisen Gattin: wir müssen sofort operieren. Die Blutung war so stark, dass man Teile des Schädeldaches entfernen musste, es folgten diverse Komplikationen. Der Anblick des Schwerkranken war für die Gattin entsetzlich, er wurde beatmet, über dicke Schläuche am Hals erfolgte eine Dialyse. Der Mann wehrte sich, schwitzte und stöhnte, wurde ans Bett gebunden. „Die Patientenverfügung gilt hier nicht, es gibt noch Hoffnung“ sagte der Oberarzt unbeeindruckt von den weiteren Hinweisen der Familie: Denn falls Behinderung droht, lehnte Gerd Apparatemedizin rigoros ab. Erst als die Patientenakte angeforderte wurde, stellte man ohne Information der Familie abrupt auf „reine Morphiumgabe“ um. Gerd starb alleingelassen noch in der gleichen Nacht, die Gattin wurde morgens über das Ableben informiert. 43 Tage Beatmung, Abrechnungsposition A07A. Die Kasse erstattete 140.649 €.

„Lieber tot als schwerbehindert dahinvegetieren“ sagen fast alle älteren Menschen. Ganz anders sehen dies deutsche Neurochirurgen: 85% würden einen 82-Jährigen bei Hirnblutung operieren – trotz schlechtester Aussichten (Überleben: 9%, Schwerbehinderung: 98% trotz OP). Den befragten Spezialisten war es mehrheitlich egal, ob die Patienten vorher bereits schwer pflegebedürftig waren oder was die Angehörigen wünschten. Nur bei 4% der beatmeten Intensivpatienten fand eine Willensermittlung statt – nach deutschem Recht müssten es 100% sein.

Viele denken, eine Patientenverfügung würde hier zuverlässig schützen. Dazu berichtet ein Arzt aus einer Klinik der Maximalversorgung: in den letzten fünf Jahren sei praktisch keine Patientenverfügung beachtet worden. Daran werde so lange ruminterpretiert, bis doch die Maximalmedizin laufe. Somit ist niemals eine Patientenverfügung hinreichend, sondern es bedarf auch immer eines durchsetzungsstarken Vorsorgebevollmächtigten, der den Willen des Patienten gegenüber den Chirurgen umsetzt.

https://pflege-professionell.at/uebertherapie-in-der-intensivmedizin-das-medizinproblem-dieses-jahrhunderts

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